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Fragen an den Sachverständigenrat:

Annette Dunin Von Przychowski  hat am 4. November 2016 um 10:06 geschrieben:

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schnabel, sehr geehrte Herren,

in Ihrem Gutachten empfehlen Sie weitreichende Änderungen in der Sozialpolitik und im Subsidiaritätsprinzip.
Am Anfang führen Sie Ihre Gesprächspartner aus, Experten aus den Freien Berufen und insbesondere des Freien Heilberufs Apotheker/in sind dort nicht zu finden, obwohl sie gerade in der Sozialpolitik eine sehr große Rolle spielen, die Sie ändern wollen.

Wurden tatsächlich vor Ihrem Gutachten die betroffenen Berufsgruppen nicht angehört?

Sie formulieren gleich am Anfang: „Angesichts der zunehmenden Fliehkräfte in der EU sollte dem Subsidiaritätsprinzip wieder mehr Raum gegeben werden… Die Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sollten hingegen in der Verantwortlichkeit der Mitgliedstaaten verbleiben.“

In Deutschland funktioniert das Subsidiaritätsprinzip zurzeit sehr gut. Berufskammern regeln in Selbstverwaltung, zum Schutz der Bevölkerung und auf Kosten des jeweiligen Berufsstandes viel Aufsicht, Verwaltung und Fort- und Weiterbildung. Sollte das wegfallen, muss der Staat das regeln.

Gebührenordnungen sorgen dafür, dass die Bevölkerung ordnungsgemäß in Dienstleistungsbereichen versorgt wird, in denen sie nicht abschätzen kann, was eine Leistung Wert ist.

Gebührenordnungen sorgen auch dafür, dass die Freien Berufe eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit haben, um stabile Arbeitsplätze zu bieten, die auch in Weltwirtschaftskrisen Bestand haben.

Warum stellen Sie im Folgenden genau das, was Sie am Anfang fordern völlig in Frage?

Sie fordern einen Wettbewerb der Systeme innerhalb der EU. Ich habe das so verstanden, dass das beste System für die Bevölkerung innerhalb der EU gewinnen soll. Dann dürfen Sie es aber nicht vorher mit Ihren Forderungen zerstören.

Zurzeit regeln mit rechtlicher Grundlage die Selbstverwaltungsorgane die Preisgestaltung von RX-Arzneimitteln. Festbeträge und Rabattverträge sorgen dafür, dass die Preise einheitlich bleiben und weiter gesenkt werden. Weder die Patienten noch die Apotheker/innen dürfen die Auswahl beeinflussen, in der Regel bezahlt die Krankenkasse und nicht der Patient. So haben Sie ein System das den Preis einheitlich regeln und reduzieren kann, für die Patienten die Sicherheit der freien Apothekenwahl und die Gewissheit vermittelt, dass sie nicht für ihre Krankenkasse die Schnäppchen-Apotheke finden müssen, um ggf. ihr Geld wiederzubekommen, und über eine flächendeckende Versorgung zusätzlich Qualitätswettbewerb zulässt.

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass gerade die Schwächsten unter den Patienten leiden, wenn ein Markt im sozialen Bereich freigegeben wird bzw. via Einzelverträge geregelt wird. Wer Verwandte hat, die Inkontinenz haben, kennt die Situation. Meist dürfen Apotheken gar nicht liefern oder zu einem Preis, bei dem selbst der Ausschreibungsgewinner nur das Billigste aber nicht passende gleich für ein Vierteljahr liefert. Die Patienten haben keine Chance. Aber natürlich es ist billig, auf den ersten Blick wirtschaftlich, aber wo bleibt der Blick in die Zukunft, den gerade Sie in Ihrem Gutachten anmahnen? Es geht hier um die Gesundheit der Patienten, vernachlässigt man sie durch eine unsichere Versorgung zu unterschiedlichen Preisen, wird das letztlich die Kosten im Gesundheitswesen erhöhen.

Zurzeit haben wir klar festgelegt, wer für Fehler haftet. Der Apothekeninhaber und das pharmazeutische Personal mit ihrem Privatvermögen. Bei Kapitalgesellschaften haben sie keine persönliche Haftung.

Ein Blick in die osteuropäischen Staaten aber auch in die USA zeigen, dass die Bevölkerung dort bei weitem nicht so gut versorgt ist wie bei uns. Apothekerinnen aus diesen Ländern berichten, wie sie dort gezwungen werden, einen bestimmten Umsatz an Arzneimitteln zu erzielen, damit letztlich das Konzernergebnis stimmt.

Mit rein wirtschaftlichen Marktregeln reduzieren Sie ein sehr nützliches aber auch gefährliches Gut auf eine normale Ware, die es definitiv nicht ist.

Warum fordern Sie Maßnahmen, die dieses System zerstören?

Warum finden Sie das Urteil des EuGH gut, wenn es doch genau und sehr tief in die deutsche Sozialpolitik eingreift?

Weder ist die einzelne deutsche Apotheke vor Ort ein Monopol, kann sich Pfründe sichern, noch nach Verbot des Versandhandels keine Zustellung per Boten mehr durchführen. Das sind alles Argumente, die nachweisbar nicht stimmen, und nur von denjenigen in die Welt gesetzt werden, die ausschließlich den Konzernen dienen, die für ihr eigenes Geschäft mit unlauteren Mitteln die Konkurrenz ruinieren wollen und eben gerade genau diese Vorwürfe dann selber umsetzen.

Ist Ihnen die ordnungsgemäße Versorgung so wenig wert, dass Sie sie dem Kapitalmarkt opfern wollen?

Für Antworten wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Vielen Dank für Ihre Mühe!

Mit freundlichen Grüßen

Annette Dunin v. Przychowski

Angestellte Apothekerin und Patientin

 

Daraus entspann sich ein kleiner E-Mail-Wechsel, angekündigte Studien zum Belegn der Theorien des Schverständigenrats kamen nie bei uns an!

Gesendet: Freitag, 04. November 2016 um 11:17 Uhr Von: "Lars Feld"

Sehr geehrte Frau Von Przychowski,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Wenn Sie sich die Mühe machen und unser Jahresgutachten anschauen, werden Sie feststellen, dass wir uns in der Gesundheitspolitik vor allem mit der Finanzierungsseite beschäftigen. Ich glaube, Sie deuten zu viel hinein.

Beste Grüße

Lars P. Feld

 

Annette Dunin Von Przychowski hat am 4. November 2016 um 11:49 geschrieben:


Sehr geehrter Herr Feld,

vielen Dank für die schnelle Antwort!

Sie schreiben in Ihrem Gutachten:
"die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots von Apotheken (JG2010 Ziffer 425) und die Ausdehnung von Kosten-Nutzen-Analysen im Arzneimittelbereich auf den Bereich der alternativen Medizin (FAZ,2016). Das jüngste Urteil des EuGH, das die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland im Widerspruch zu EU-Recht sieht, könnte mehr Wettbewerb unter Apotheken ermöglichen."

Das sind klare Aussagen und ich habe mir sehr die Mühe gemacht, Ihr Gutachten zu lesen! Damit fordern Sie eine grundlegende Veränderung unseres Systems! Glauben Sie wirklich, dass eine Apotheke vor Ort, geführt von einem persönlich haftenden Apotheker, unterstützt in seiner Arbeit und Kalkulation von festen Servicepauschalen innerhalb eines gleichen, von ihm nicht kalkulierbaren Arzneimittelpreises, irgendeine Chance gegen ausländische Versandhandelsapotheken hat? Das ist ja sogar die Begründung des EuGH, dass diese Versandhandelsapotheken nur den Markt relevant beeinflussen können, wenn sie billigere Preise anbieten. Und zusätzlich sollen die Patienten auf dem Land mit Segen des EuGH auch noch mehr für ihre Arzneimittel bezahlen. Wobei weder das eine noch das andere eigentlich die Patienten betreffen sollte. Weil der Arzt die Verordnung entscheidet und die Krankenkassen bezahlen.

Zusätzlich fordern Sie nun noch ein Fremd- und Mehrbesitzverbot, und öffnen damit ganz den Markt, der eben kein Markt sein sollte? Patienten sollten nur Arzneimittel bekommen, die sie auch wirklich brauchen. An der Diskussion um die Antibiotika sehen Sie, was da gerade vor allem in den USA angerichtet wird. Mit weltweiten Konsequenzen!

In anderen Ländern gibt es meist ein entweder oder. Und Ketten tragen nicht sehr stark zu preiswerten Arzneimitteln bei, geschweige denn, dass sie die Patienten besser versorgen.

Ich habe in meinem Studium gelernt, dass man bei Gutachten alle Beteiligten vorher einbeziehen sollte. Gerne können wir darüber ausführlicher diskutieren.

Mit freundlichen Grüßen

Annette Dunin v. Przychowski

Gesendet: Freitag, 04. November 2016 um 11:59 Uhr Von: "Lars Feld"


Sehr geehrte Frau von Przychowski,

natürlich ändert das die Situation der Apotheken. Aber dass ungünstige Auswirkungen für die Versorgung der Patienten entstehen, bezweifele ich genauso wie die von Ihnen behaupteten ausgbleibenden Preiseffekte. Dies widerlegen internationale Untersuchungen.

Der Sachverständigenrat führt im Laufe eines Jahres Anhörungen der Spitzenverbände der Wirtschaft, des DGB, der für das Gutachten relevanten Ministerien, der Bundesbank, der Bundesagentur für Arbeit usw. durch. Einzelverbände hören wir nicht an.

Wir können uns dazu gleichwohl gerne in einem Gespräch austauschen.

 Beste Grüße

Lars P. Feld

 

Annette Dunin Von Przychowski hat am 7. November 2016 um 10:20 geschrieben:

Sehr geehrter Herr Feld,

telefonisch das Ganze zu bereden, dürfte wegen der Komplexität des Themas schwierig sein. Daher kam meine Frage, ob Sie demnächst einmal in Berlin sind. Bitte entchuldigen Sie weitere, so ausführliche Argumente, aber vielleicht schaffen wir es ja nicht, uns zu treffen.

Sie sollten bitte folgendes in der Diskussion beachten. Die Abgabe eines Arzneimittels an die Patienten erfolgt durch pharmazeutisches Personal, Apotheker und PTA. Das ist auch wichtig, weil auch bereits die Abgabe von Aspirin, gesundheitliche Probleme beheben aber auch erzeugen kann. Das Gehalt ist bei Apothekerinnen, dafür dass sie 8 Semester studiert und ein Jahr Praktikum gemacht haben, im Vergleich zu anderen Akademikerinnen "übersichtlich", aber natürlich viel höher als im Vergleich zu normalen Verkäuferinnen, und auch PTA's verdienen noch mehr. Dazu kommen zurzeit defizitäre Pflichtaufgaben wie Herstellung von Individualrezepturen, die ganze Dokumentation von Betäubungsmitteln und anderen Arzneimitteln, die sowieso wegen ihres Erklärungsbedarfs nicht verschickt werden dürfen, und Notdienste.

All diese Aufgaben übernimmt keine ausländische Versandapotheke. Sie profitiert zusätzlich von ganz anderen Einkaufmöglichkeiten, weil sie nicht dem deutschen Recht unterliegt und auch Rabatte beim Einkauf erhalten darf. Das Personal dürfte sehr viel preiswerter sein.

In den deutschen Apothekern beträgt der RX-Anteil ca. 60-70% des Umsatzes. Bricht hier ein Großteil wegen chronisch kranker Patienten weg, bleiben dabei alle anderen defizitäten aber definitiv notwendigen Service-Angebote der Apotheken vor Ort trotzdem bestehen. Glauben Sie wirklich, dass gerade im ländlichen Raum und in den Außenbezirken der Stadt es durch kaum bis gar keine Apotheken keine Nachteile für die Bevölkerung geben wird? Und zwar gerade in den Fällen, wo Patienten sehr dringend ihre Arzneimittel brauchen? Klar, irgendwie geht es auch anders. Aber lohnt es sich, Arbeitsplätze auf's Spiel zu setzen, viele kleine Unternehmen, die während der Wirtschaftskrise im Gegensatz zu Konzernen sichere Arbeitsplätze geboten hatten, zu ruinieren, um wenigen großen Anbietern dann wirklich eine Monopolstellung zu bieten? Und um unser Gesundheitssystem aus dem sozialen System in ein marktwirtschaftliches zu führen, wo Notlagen der Patienten für den wirtschaftlichen Erfolg ausgenutzt werden? Bzw. es sogar der EuGH begründet, dass auf dem Land höhere Arzneimittelpreise verlangt werden sollen?

Die Freien Berufe sind über Jahrhunderte ein Erfolgskonzept, dass sich ständig den neuen Anforderungnen anpasst, weil sie unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen, gestützt durch Gebührenordnungen und Berufskammern, agieren können. Damit können sie die Bevölkerung vor Ausnutzung durch allzu wirtschaftliche Interessen schützen. Das gibt der Bevölkerung Sicherheit, dass existentielle Fragen unabhängig von wirtschaftlichen Interessen in ihrem Sinn geregelt werden, und die Möglichkeit, sich auch wichtigen Gebieten weiter zu entwickeln. Klar, dass dieses Schutzschild gewinnorientierten Konzernen ein Dorn im Auge ist.

Beste Grüße

Annette Dunin v. Przychowski

 

Gesendet: Dienstag, 08. November 2016 um 18:30 Uhr Von: "Lars Feld"

Sehr geehrte Frau von Przychowski,
besten Dank für Ihre Nachricht. Diese Argumente sind mir wohl bekannt. Sie erhalten in Kürze ein Paket mit Studien (nicht Presseartikeln).

Beste Grüße

Lars P. Feld

 

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